aktuelle Leseprobe

 

Der steinerne Engel vom Kloster Pernegg

von Georg Wögerbauer

Vielleicht steht er schon 800 Jahre, der arme Kerl, gleich beim Eingang ins alte Klostergebäude. Da steht er, der steinerne Engel links vom Treppenaufgang in Lebensgröße. Er steht so auffällig mitten in der Eingangshalle des alten Klosters, dass ich ihn, obwohl er mich nicht sonderlich fasziniert, ganz einfach nicht übersehen kann, wenn ich mehrmals am Tag an ihm vorbeigehe. Die Körperhaltung des steinernen Engels ist eigenartig verdreht. Die Stellung von Kopf und Hals ist so verrenkt, dass ich als Mediziner unweigerlich an einen Torticollis spasticus, auf Deutsch: Hexenschuss, oder verkrampften Schiefhals denke. Da es in einem katholischen Kloster aber keine Hexen geben darf, denke ich natürlich zuerst an Zweiteres. Immer wieder an dem versteinerten Engel vorbeigehend, frage ich mich, warum die Engel und Heiligen in den katholischen Sakralräumen meistens irgendwie verdreht in den Himmel schauen, nur um ja nicht mit dem irdischen Betrachter in Kontakt kommen zu müssen, als ob das Heilige erst im Himmel zu entdecken wäre und nicht im Zwischen
raum einer liebevollen Begegnung von Menschen.

Diese Zeilen schreibend, bin ich mir nicht so sicher, ob der arme Engel nicht doch einen Hexenschuss bekommen hat, entweder von der kalten Feuchtigkeit der Gänge oder es hat sich doch einmal eine Hexe in das Kloster verirrt. Immerhin war das Kloster Pernegg doch über 400 Jahre ein Frauenkloster.

Jedenfalls hätte das steinerne Engelwesen im Kloster Pernegg von mir längst keine Beachtung mehr erhalten, hätte es nicht eine Tafel in der Hand mit einem lateinischen Spruch, der jeder Besucherin, jedem Besucher des Klosters gilt!

Ich erinnere mich an den Tag, als ich wieder einmal müde, zu spät und einigermaßen abgehetzt in meine Praxis eilte und mir beim Eingang der »Schiefhalsengel«, wie ich ihn mittlerweile liebevoll nenne, seinen lateinischen Spruch so entgegenhielt, dass ich nicht umhin konnte, mir die Zeit zu nehmen, ihn zu lesen und in Ruhe zu übersetzen:

PAX INTRANTIBUS

ET SALUS

EXEUNTIBUS

steht da in großen Buchstaben geschrieben. Es heißt: Friede den Eintretenden und Gesundsein bzw. Heilsein den Fortgehenden.

Da habe ich erstmals Sympathie aufgebaut zu diesem steinernen Boten. Diese Botschaft ist bei mir angekommen. Ich habe spontan mein Tempo reduziert und den Spruch des Engels in mir aufnehmend, konnte ich auch ruhiger und tatsächlich ein Stück gelassener werden.

Wie oft haben mir schon Patienten gesagt, dass ihnen der lange Weg zur Praxis zu Fuß so guttue, dass sie schon am Weg ins Kloster ruhiger und gelassener würden und irgendwie achtsamer gestimmt in der Therapiesitzung ankämen.

Der steinerne Engel leistet wertvolle Arbeit, auch wenn viele den Spruch, seine Botschaft, nicht lesen, nehmen sie doch die Nachricht wahr. Ich bezeichne diesen Schiefhalsengel von Pernegg als meinen Co-Therapeuten. Er steht da für die vielen Menschen, die seit Jahrhunderten an diesem Ort leben, beten, meditieren und sich grundsätzlich mit Fragen des Lebens beschäftigen.

PAX INTRANTIBUS – ein schöner Wunsch für alle Menschen, ein schöner Willkommensgruß. Ich wünsch dir Friede, ich wünsch dir Zufriedenheiten. Ich musste schmunzeln, als ich den Friedensgruß von Pernegg das erste Mal wahrnahm, denn seit 20 Jahren beginne ich konsequent jedes ärztliche Gespräch mit der Aufforderung: »Erzählen Sie mir bitte, was Sie in Ihrer jetzigen Lebenssituation zufrieden macht.«

Es braucht Frieden, um zu heilen! Es braucht Zufriedenheiten, um zu wachsen. Salam alaikum, der Friede sei mit dir, ist eine der schönsten und heilsamsten Grußformen, die ich kenne.

PAX INTRANTIBUS ist ein Wunsch, den inneren Frieden zu finden, alte Konflikte lösen zu können, um in einen Zustand zu gelangen, den viele Menschen auch mit »Harmonie« beschreiben. Im Augenblick zufrieden sein können! Auf dieser Basis aufbauend können wir heilen, können wir gesunden und SALUS – Heilung – erfahren.

SALUS, nicht im Sinne eines oberflächlichen Gesundheitsbegriffes, wie er heute von Schulmedizin und Wellness-Industrie transportiert wird, sondern Salus im Sinne von ganzheitlichem Gesundsein oder Heilsein, im Sinne auch von heilsam sein in heilenden Beziehungen. Denn dort und nicht nur in Arztpraxen oder Krankenhäusern, sondern vor allem in gelebten Beziehungen ist Heilung möglich und kann täglich geschehen.

Gerne würde ich dem Menschen begegnen, dessen Hände diesen Spruch in die steinerne Tafel des Pernegger Engels gemeißelt haben. Ich würde mich mit ihm auch über seine Zufriedenheiten austauschen und ihm sagen, wie dankbar ich für seine lebensspendende Botschaft bin, die durch seinen steinernen Engel seit vielen Jahren überbracht wird. Ich wünsche, es mögen noch viele Hundert Jahre lang Menschen an diesem Engel im Kloster Pernegg vorbeigehen, um Einkehr zu halten, zu fasten, um eine neue Standortbestimmung für ihr Leben zu machen oder sich andere Hilfestellung zu holen.

SALUS EXEUNTIBUS heißt »Heilsein« für jene, die hinausgehen, die diesen Ort verlassen, hoffentlich gestärkt, wissend um ihr Potenzial, täglich ihr »Heilsein« gestalten zu können.

Ich bin mir sicher, dass Menschen, die wirklich Frieden und Zufriedenheit erfahren, so heil werden können, dass sie fliegen können wie echte Engel und für andere heilsam werden.

… und wir brauchen viele Engel!

 

aus:

 

 

Momente der Heilung

Momente der Heilung

von Hans und Georg Wögerbauer

Vom Überleben zum Leben, Wo Heilung beginnt – Wendepunkt zu einem erfüllten Leben, 224 Seiten, ISBN 978-3-7015-0524-1

Bücher erhältlich im Handel oder bestellbar über die Ordination per Email oder telefonisch.