aktuelle Leseprobe

 

Wie spät ist es?

von Georg Wögerbauer

…eine bei uns häufig gestellte Frage. Wenn wir »nach der Zeit« fragen, dann fragen wir üblicherweise »Wie spät ist es?«

What’s the time? fragen sie in England, quelle heure est-il? que ora es? sind ebenso Fragen nach der Zeit. Es steckt jedoch eine andere Grundhaltung hinter diesen Formulierungen. Während unsere Frage schon in der Fragestellung impliziert, dass »es spät ist«, fragen andere »nach der Zeit, die da ist«! What’s the time (that we have), que ora es? Welche Stunde ist?

Zeit ist nicht etwas, das wir einfach haben können. Zeit ist uns geschenkt und wird uns jeden Tag neu geschenkt – und wir können dieses Geschenk täglich annehmen und als wertvolle Lebenszeit genießen.

Ich habe ständig das Gefühl, ich werde nicht fertig. Was immer ich beginne – mir geht dabei die Zeit aus, und wenn ich dann einmal wirklich »Zeit habe«, dann bin ich zu getrieben, sodass ich sie nicht genießen kann.

Solche und ähnliche Antworten höre ich oft von Patienten und ich kenne sie natürlich auch von mir selbst.

Auf dem Jakobsweg – Tagebuch einer Pilgerreise, Paulo Coelho

Ein Mensch darf nie aufhören zu träumen. Der Traum ist für die Seele, was Nahrung für den Körper bedeutet. Wir müssen häufig in unserem Leben erfahren, wie unsere Träume zerstört und unsere Wünsche nicht erfüllt werden, dennoch dürfen wir nie aufhören zu träumen, sonst stirbt unsere Seele, und die Agape kann nicht in sie eindringen.

Der gute Kampf ist der, den wir im Namen unserer Träume führen. Wenn sie mit aller Macht in unserer Jugend aufflammen, haben wir zwar viel Mut, doch wir haben noch nicht zu kämpfen gelernt. Wenn wir aber unter vielen Mühen zu kämpfen gelernt haben, hat uns der Kampfesmut verlassen. Deshalb wenden wir uns gegen uns selber und werden zu unseren schlimmsten Feinden. Wir sagen, dass unsere Träume Kindereien, zu schwierig zu verwirklichen seien oder nur daher rührten, dass wir von den Realitäten des Lebens keine Ahnung hätten. Wir töten unsere Träume, weil wir Angst davor haben, den guten Kampf aufzunehmen.

»Das erste Symptom dafür, dass wir unsere Träume töten, ist, dass wir nie Zeit haben«, fuhr Petrus fort. »Die meistbeschäftigten Menschen, die ich in meinem Leben kennengelernt habe, waren zugleich auch die, die immer für alles Zeit hatten. Diejenigen, die nichts taten, waren immer müde, bemerkten nicht, wie wenig sie schafften, und beklagten sich ständig darüber, dass der Tag zu kurz sei. In Wahrheit hatten sie Angst davor, den guten Kampf zu kämpfen.

Der gute Kampf ist der, den wir kämpfen, weil unser Herz es so will.«

Was ist es, das uns ständig treibt und uns nie wirklich zur Ruhe kommen lässt? Der eine lebt ständig im Stress, dass ihm die Zeit zu kurz wird, der andere lebt dieselbe Zeit und genießt sie. Ich denke, das hat viel mit jener Grundhaltung zu tun, mit der wir jeden Tag neu beginnen. Bin ich vom Aufstehen an ein Getriebener, ist es schon spät, wenn der Wecker läutet? Oder bin ich vom Aufwachen an jemand, der seinen – meinen – neuen, geschenkten Tag gestaltet?

Europäer haben Uhren,
Afrikaner haben Zeit.

Sprichwort aus Uganda

Mit wieviel Zeit bin ich bereit, mich für ein genussvolles Frühstück zu beschenken (Energiezufuhr für einen neuen Arbeitstag)?

Wieviel Zeit gönne ich mir, mit den Menschen, die mir wichtig sind, ein Frühstück zu genießen und auszutauschen – wissend, dass wir uns den ganzen Tag lang nicht sehen werden?

Nehmen Sie sich einmal die Zeit, besser noch – nützen Sie doch einmal die geschenkte Zeit, um sich hinzusetzen und folgende Übung zu machen. Sie benötigen dafür ein Blatt Papier, einen Stift und – wie gesagt – Zeit. Zeichnen Sie eine große Torte.

Ziehen Sie von den 24 Stunden, die wir ja alle gleich zur Verfügung haben, Ihre Schlafzeit – idealerweise 8 bis 9 Stunden – ab. Die verbleibenden 15 bis 16 Stunden teilen Sie auf die nachstehend beschriebenen Bereiche auf:

ICH-Bereich: dazu zählt Körperpflege, ein Buch lesen, joggen, Musik hören, …

Beziehungsbereich: Partner/in, Freunde/Freundin, Kind/er, Tennisclub, …

Berufsbereich: der Weg von und zum Arbeitsplatz, Arbeitszeit, Weiterbildung, Hausarbeit, …

Teilen Sie nun Ihre Stunden so auf, wie es tatsächlich ist (Ist-Analyse) und nicht, wie Sie es gerne hätten. Das heißt: Teilen Sie die Torte in die drei Bereiche auf: Ich-Zeiten, Beziehungszeiten, Berufszeiten.

Besonders spannend ist diese Übung, wenn Sie sie gemeinsam mit Ihrer/m Partner/in machen und anschließend miteinander besprechen. Sie und Ihr/e Partner/in werden Überraschungen erleben, wie unterschiedlich die verschiedenen Bereiche beurteilt werden. Sie werden bemerken, dass die täglich 16 Stunden Wachzeit wirklich ein Geschenk sind und dass es viele »Leerläufe« gibt. Sie werden sich vielleicht auch fragen: Was mache ich denn eigentlich jeden Tag mit meiner Zeit?

Obwohl heute offensichtlich vieles bequemer, vieles schneller geht als früher – wir reisen schneller, sausen mit der U-Bahn oder mit dem Auto zur Arbeit, kommunizieren in wenigen Sekunden rund um die Welt – wird uns dennoch die Zeit immer »weniger«. Nein! Die Zeit bleibt täglich das gleiche Geschenk, das wir jedoch oft ablehnen und nicht annehmen. Nicht genießen können, weil wir es verlernt haben, Zeit als Geschenk zu sehen und weil wir in unserem Anspruch, alles haben zu können und zu müssen, auch die Zeit »besitzen« wollen.

Je mehr wir die Zeit »festhalten«, desto schneller wird sie uns zwischen den Fingern wie Sand wegrinnen, und wir werden uns ein Leben lang bemühen, Zeit zu haben – ohne sie jemals zu genießen.

Es geht nicht ums Haben, es geht ums Sein!

Oft schauen mich die Teilnehmer aus meinen Seminaren verwirrt an, wenn ich ihnen sage, dass ich ihnen ganz bewusst für unsere gemeinsame Seminarzeit wünsche, dass sie einmal so richtig Langeweile haben. Langeweile in dem Sinn, dass es ihnen gelingt, die Zeit auszulassen, nicht mehr »haben zu wollen« – eben »lange Weile« zu genießen.

Und so wünsche ich auch Ihnen, dass Sie sich’s auch einmal leisten, das Buch wegzulegen, sich einen bequemen Platz suchen, wo sie gut und ungestört liegen können oder sich einfach zurücklehnen, die Augen schließen und ganz einfach nichts tun – und die Zeit als ihr Geschenk genießen.

Mir ist bewusst, dass wir in den industrialisierten, schnelllebigen Ländern nur schwer zu jener Gelassenheit gelangen werden, wie der Schafhirte in Griechenland, den ich schon die längste Zeit beobachte.

Er sitzt im Schatten eines Olivenbaumes, kaut Kürbiskerne und schaut vor sich hin. Ich überlege, wie viele Tage ich wohl so ein Leben aushalten würde. Ich frage mich, ob dieser Mensch mit seinem Leben zufrieden ist. Ich ertappe mich sofort dabei mir vorzustellen, wie ich als Schafhirte meine Herde vergrößern, Land dazu pachten würde, mir mit Krediten einen Zaun kaufen würde, dadurch nicht den ganzen Tag Schafe hüten müsste, wie ich mit der »gewonnenen Zeit« anfangen würde, die alten Häuser hier zu restaurieren, um sie dann an die Urlauber möglichst teuer zu vermieten.

Blitzschnell finde ich mich wieder im Szenario eines Unternehmers mit Krediten, »gewonnenen« Zeiten, Umsatzzielen und der Verlockung, endlich mehr zu haben.

Ich will mit diesem Beispiel nicht behaupten, alle Schafhirten in Griechenland seien glücklich und zufrieden – das wäre zu verklärend, auch vereinfachend, aber ich frage mich trotzdem, was ich von diesem Menschen lernen kann, der für mich eine gelassene, zufriedene Ausstrahlung hat. Was dieser Schafhirte kann – so vermute ich – er weiß, was genug für ihn ist. Er muss nicht alles haben, was auch die anderen haben. Er weiß, was er hat und kann damit zufrieden sein. Er kann Sein! Er lebt die Zeit bewusst, die ihm geschenkt ist.

Es ist durchaus legitim »zu haben«, tragisch wird es erst, wenn ich das, was ich habe, nicht sehen kann, wenn ich – einmal habend

– immer mehr will, wenn das »Mehrhabenwollen« mir den Blick verbaut, dankbar zu sehen, was mir alles schon geschenkt ist.

Menschen, bei denen ich mich wohl fühle, sind Menschen, die diese Zufriedenheit haben. Von ihnen geht eine Gelassenheit aus, eine Toleranz, die heilsam ist; die mich auch fühlen lässt, so akzeptiert zu sein, wie ich bin. Nikos, den wir gestern besuchten, ist 103 Jahre alt. Wir haben gespürt, welche Zufriedenheit von diesem Menschen ausgeht.

Sehr alte Menschen haben eine ähnliche Ausstrahlung wie Neugeborene. Hier hat Zeit eine andere Dimension. Es ist die Zeitlosigkeit, die Alte und Neugeborene umgibt.

Wir spüren das, werden vorsichtiger, langsamer, selbst zeitloser im Umgang mit solchen kostbaren Menschen – und auch mit uns selbst.

 

aus:

Momente der Heilung

Einfach gut leben

von Hans und Georg Wögerbauer

Nur mehr als Taschenbuch erhältlich; ISBN 3-9500657-1-7

Bücher erhältlich im Handel oder bestellbar über die Ordination per Email oder telefonisch.